Freud und Leid in Tibet – März 2008

Nichts, aber auch wirklich gar nichts, hatte mich darauf vorbereitet, wie mein Trip nach Tibet verlaufen würde. Dieses mystische Land zu bereisen, ist für mich schon lange ein großer Traum gewesen, und obwohl ich keine klare Vorstellung davon habe, was mich auf dem Dach der Welt erwartet, bin ich neugierig und vor allem sicher, nicht enttäuscht zu werden.

Die wilde und zum Teil noch unberührte Natur, die majestätischen Berge und eine alte sagenumwobene Kultur, sind Grund genug, dass ich die Mühen auf mich nehme, mich in Xi’an, sowohl um die Verlängerung meines einmonatigen Chinavisums, als auch um die Einreisegenehmigung nach Tibet zu bemühen.

   

Leider gibt es in Tibet nicht die Möglichkeit sein Touristenvisum zu verlängern, obwohl es ein Teil der Volksrepublik ist. In China selbst bekommt man meist keine Verlängerung, wenn man wahrheitsgemäß angibt, nach Tibet reisen zu wollen. Es empfiehlt sich also seine Angaben entsprechend „anzupassen“.

Offiziell ist es nicht gestattet, auf eigene Faust durch die autonome Region zu reisen, sondern man muss Teil einer Reisegruppe sein, die allerdings meist nur auf dem Papier besteht – was die Einreisegenehmigung zu einer reinen Geldschneiderei macht.

Mit allen erforderlichen Stempeln und Dokumenten gewappnet, setze ich mich am 14. März, 2008 in Xi’an in den Qinghai-Tibet Zug mit dem Ziel, 36 Stunden später in Lhasa anzukommen. Diese Verbindung gibt es erst seit Juli 2006 und sie gilt als eine der technisch fortschrittlichsten und zugleich umweltumstrittensten. Ein Großteil der Strecke liegt über 4000m und etliche hundert Kilometer davon führen durch Permafrostgebiet. Eine der größten Herausforderungen für die Zehntausenden von chinesischen Arbeitern, lag darin, beim Verlegen der Gleise dafür zu sorgen, dass die Schienen im Sommer, wenn der angetaute Boden zu Schlamm wird, nicht darin versinken. Einige Streckenabschnitte werden deswegen sogar künstlich gekühlt. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil der Strecke in den Kunlun Bergen durch Erdbeben gefährdetes Gebiet verläuft, und teure Frühwarnsensoren eingebaut wurden, deren wahrer Nutzwert allerdings umstritten ist.

    

Die überwiegende Mehrheit der Tibeter ist nicht glücklich über diese neue Zugverbindung, da sie befürchten, dass nun noch mehr Han-Chinesen -angelockt durch Prämien vom Staat – umgesiedelt werden, und Tibet somit weiterhin seiner Bodenschätze, wie z.B. Öl und Erze von Seiten Chinas beraubt wird. Da hauptsächlich Chinesen und Touristen mit dem neuen Zug unterwegs sind, befürchten die Tibeter, dass die politische Kontrolle über ihr Land weiter ausgedehnt wird. Das bedeutet unter anderem auch, dass mehr Militär stationiert wird, und die Umwelt deutlich stärker verschmutzt wird, was gerade in so einem labilen Ökosystem verheerende Folgen hätte.

  

Mir selbst macht die Höhe zum Glück nichts aus, und ich genieße die Fahrt und das 3D Naturkino vor dem Fenster immens. Die Landschaft ist einmalig: Berge, zum Teil schneebedeckt, reißende oder zugefrorene Flüsse, umherstreifende Nomaden mit ihren Yakherden, wilde Antilopen und Gazellen, Seen, die in allen erdenkbaren Blautönen schimmern, winzige Siedlungen aus flachen mit Stroh bedeckten Häusern, bunte, im Wind flatternde Gebetsfahnen an Brücken und Bergpässen, mal Sandwüste, mal Winterlandschaft. Auf den knapp 3000km, die ich im Zug sitze, gibt es einiges zu sehen und meine Vorfreude auf die kommenden vier Wochen, die ich in dem autonomen Gebiet verbringen will, wächst.

       

Um mich herum wird es immer ruhiger, die meisten Passagiere haben sich etwas blass um die Nase, hingelegt und atmen flach – sie wissen nicht, welch einmalige Aussicht ihnen entgeht. Die sehr dünne Höhenluft macht vielen Reisenden zu schaffen, weswegen der Zug mit zusätzlichen Sauerstoffgeräten ausgestattet wurde, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann.

Das Viererabteil teile ich mir mit einem amerikanischen Pärchen, das etwa so alt ist wie ich. Tauru und Christi sind bereits seit knapp einem Jahr in China unterwegs und verfügen über ein unendliches Reservoir an Reisegeschichten. Mit vielem kann ich mich nach nur einem Monat in China schon gut identifizieren. Ähnlich wie ich, haben sie einen Zug verpasst, da sie es nicht geschafft haben, in dem abartigen Gewühl und Chaos vor den Fahrkartenschaltern an ein Ticket zu kommen. Das Faszinierende an den beiden sind nicht nur ihre Abenteuer, sondern vor allem die Tatsache, dass sie fast völlig blind sind. Tauru kann lediglich mit höchster Konzentration punktgenau sehen, und seine Freundin Christi, dafür Umrisse und Farbtöne erkennen. Gemeinsam schaffen sie es, sich ohne Hilfsmittel fortzubewegen, und auf ihre ganz eigene Art alles um sie herum wahrzunehmen und „zu sehen“. Tauru ist noch dazu 100 % nachtblind und spätestens ab der Dämmerung auf die helfende Hand seiner Freundin angewiesen, die ihn meist sicher leiten kann. Wie die zwei allerdings einen achtmonatigen Roadtrip durch die USA im eigenen VW Bus machen konnten und dabei über 20,000 km unfallfrei zurücklegten, ist mir absolut schleierhaft.

Die Zeit vergeht in dieser netten und interessanten Gesellschaft sehr schnell, und so ist es auch gar kein Problem, dass unsere Ipods in der Höhe ihre Dienste verweigern. Dieses kleine technische Gerät ist und war auf all meinen Reisen ein ständiger und treuer Begleiter, es gibt nichts Schöneres als sich bei Heimweh nach Bayern ein wenig Polt und Biermösl Blosn zu gönnen oder zum Einschlafen in voll bepackten Zügen „Die drei Fragezeichen“ anzuhören. Erst ein einziges Mal in Sibirien verweigerte der Player mir bei minus 25 Grad den Dienst.

Unsere Ankunft in Lhasa am frühen Abend des darauffolgenden Tages verläuft zunächst unspektakulär. Mir fällt jedoch auf, dass kaum Zivilpersonen am Bahnhof sind –  außer den Menschen, die gerade aus dem Zug steigen, kann ich nur Militär entdecken. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das hier möglicherweise aus Sicherheitsgründen und aus Angst vor Anschlägen immer so ist.

Die Soldaten, die mit ihren Helmen und Schutzschilden nicht gerade vertrauenserweckend aussehen, schleusen uns in einer Reihe zum Ausgang. Außer den beiden Amerikanern und mir, sind noch zehn weitere westlich aussehende Menschen aus dem Zug gestiegen, und wir werden alle in einer Ecke kurz vor dem Portal zusammengetrieben. Eine Dame in Uniform schreitet auf uns zu und verlangt, unsere Permits zu sehen. Insgeheim freue ich mich, da ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, mir gar keins zu besorgen, und es darauf ankommen zu lassen. Als ich aber sehe, wie ein Tourist, der wohl ähnlich gepokert hatte, beim Nichtvorweisenkönnen der speziellen Genehmigung, ohne Widerrede zum noch wartenden Zug begleitet wird, bin ich doch froh, diesmal nicht die Extrainvestition gescheut zu haben und allzu sehr auf mein Glück vertraut zu haben.

Tauru, Christy und ich verlassen gemeinsam den Bahnhof, und ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass dort ein gewisser John mit einem Schild mit meinem Vornamen darauf, auf mich warten würde. Teil der Auflage um das Permit in Xi’an zu erhalten, war im Vorfeld ein staatliches Hotel für die erste Nacht zu buchen und im Voraus zu bezahlen. Eigentlich war ich damit zunächst nicht einverstanden, denn dieses spezielle Hotel kostet ca. fünf Mal so viel, wie ich sonst für eine Übernachtung in China ausgeben würde, aber es hieß, ich hätte keine andere Wahl – Bedingung des Staates. Wenn ich mich über das staatliche Hotel bei meiner Ankunft polizeilich registrieren lasse, dann könne ich mich die folgenden Nächte frei entscheiden, wo ich schlafen möchte. Meine neuen Reisebegleiter hatten ihr Permit über das gleiche Hostel in Xi’an organisiert und daher auch das Hotel von John gebucht. Wir waren also alle da, nur leider fehlte einer –John. Während wir ein paar Schritte auf und ab gehen und uns nach dem Unbekannten umsehen, von dem wir noch nicht einmal wissen, ob er westlich oder asiatisch aussieht, kommen wir mit Hana ins Gespräch, einer quirligen und cleveren Japanerin, die als Chinesin verkleidet am Bahnhof steht und so den Kontrollen entgangen ist. Auch sie hatte sich gegen den Kauf dieses Tibetpermits entschieden und ist „als Einheimische“ ohne Probleme durchgekommen. Wir laden sie ein, mit uns ins Hotel von John zu kommen und machen uns auf die Suche nach einem Bus oder Taxi. Für Hana alles gar kein Problem, da sie fließend Chinesisch spricht, was sich noch als wahrer Segen für uns alle rausstellen sollte.

Das Merkwürdige, was uns jetzt erst auffällt, ist, dass es bis auf ein paar vereinzelte Taxis, die alle schon besetzt sind, gar keine Transportmittel am Bahnhof gibt. Ehe wir das weiter hinterfragen können, kommt eine offiziell aussehende Dame auf uns zu, die zwar kein Englisch, dafür aber fließend Deutsch spricht. Sie erklärt uns, bzw. mir als einziger Deutschsprechenden, dass Lhasa brenne, in einem Ausnahmezustand sei und dass keiner weder in die Stadt rein noch raus käme. Das ist also auch der Grund für das Fernbleiben von John, der es wenigstens noch aus der Stadt raus geschafft hat, aber allerdings gleich aus Tibet geflohen ist, wie sich später herausstellt, als wir versuchen unser bereits gezahltes Geld für sein Hotel zurückzubekommen.

Die Dame vom staatlichen Touristenbüro bringt uns zu einem Bus, der uns kostenlos zu einem, für uns Touristen, sicheren Hotel, außerhalb des Stadtzentrums bringen soll. Bereits auf dem Weg dorthin, kommen wir an unzähligen Polizeikontrollen und Militär vorbei. Manchmal lassen sie uns ohne Verzögerung passieren, andere Male kommen bewaffnete Soldaten an Bord und verlangen von allen Fahrgästen, die Ausweise zu sehen. Auf den Straßen versammeln sich immer mehr Männer in Tarnkleidung, mit Helmen und Schutzschilden und schwer bewaffnet. Wir sehen das alles nur im Vorbeifahren, verstehen nicht so recht, was eigentlich los ist und warum Lhasa überhaupt in Flammen aufgegangen ist.

Der Bus bringt uns vier zu einem riesigen Hotel.

Der Fahrer begleitet uns in die Empfangshalle und wechselt mit dem Hotelbesitzer ein paar rasche Worte. Der Mann an der Rezeption nickt kurz und führt uns durch ein eisiges Treppenhaus in den 3. Stock zu unserem Zimmer. Es ist geräumig, verfügt über vier Einzelbetten, zwei Bäder, und einem Fernseher. Nur leider funktioniert die Heizung nicht, und dem Warmwasserhahn ist anscheinend nur zur Dekoration ein roter Punkt aufgemalt worden.

Wir sind inzwischen von der langen Reise, der Höhe und den unerwarteten Ereignissen so müde, dass wir nur noch umfallen wollen. Die Angestellten bringen uns noch einen extra Stapel Wolldecken und eine riesige Thermoskanne randvoll mit salzigem Yakbuttertee, dem Nationalgetränk, das bei uns auf eher geringere Beigeisterung stößt.

                                  

Sehr früh und vor allem sehr hungrig wachen wir am nächsten Morgen auf, und wollen uns gleich auf die Suche nach einer leckeren Mahlzeit machen. Wir öffnen die Zimmertür und sind erstaunt, dass ein ponchoverhüllter Mann davor sitzt. Er spricht kein Wort Englisch, versucht uns aber unmissverständlich klar zu machen, dass wir das Zimmer jetzt nicht verlassen können. Sichtlich irritiert, lassen wir Hana mit ihm sprechen, und wir erfahren, dass wir das Hotel erst verlassen dürfen, wenn die Dame vom Touristenbüro zu uns kommt und das offizielle Okay hierfür gibt. Er würde uns aber selbstverständlich etwas zu Essen aufs Zimmer bringen, wenn wir doch so nett wären und wieder rein gingen. Es dauert nicht lange und man bringt uns eine weitere Kanne von dem scheußlichen Tee, den sie diesmal netterweise mit Zucker anstatt Salz bereitet haben, und der somit etwas genießbarer wird. Zumindest heilt er durch seinen Fettanteil Hanas schmerzhaft aufgesprungene Lippen, mit denen sie sich seit Monaten in dem rauen Bergklima in Sichuan geplagt hatte.

Der Hotelbesitzer persönlich kommt gleich darauf mit einem Tablett voll diverser warmer Speisen aus einem Restaurant. Er entschuldigt sich im Vorhinein 1000 Mal, falls es uns nicht schmecken sollte. Er leistet uns bei unserem Mahl, was überaus lecker ist, Gesellschaft und mit Hilfe von Hanas Chinesischkenntnissen, erfahren wir, dass ihm alle Unannehmlichkeiten sehr leid täten, aber er hätte jetzt persönlich von der Regierung die Verantwortung für uns übertragen bekommen und er könne uns unmöglich auf die Straße lassen. Selbstverständlich geschehe diese „Verwahrungsmaßnahme“ nur zu unserer eigenen Sicherheit, die dem chinesischen Staat ganz besonders am Herzen liege. Zu verbergen hätte das Land nichts, im Gegenteil die Partei würde sich freuen, wenn wir in unseren Heimatländern nur Gutes über sie und unsere Behandlung hier berichten würden.

In dem Hotel, von dem ich immer noch nicht weiß, wie es eigentlich heißt, sind momentan keine weiteren Gäste untergebracht. Überhaupt sind wir vier die ersten westlichen Besucher bei ihm, daher sei er auch etwas nervös, da er nicht so recht wisse, was wir bräuchten, was wir essen, etc., gesteht uns unser Gastgeber

Die kommenden drei Tage tut dieser Mann alles für uns, und da ich seinen wahren Namen sowieso nie richtig aussprechen kann, taufe ich ihn den „Kümmermann“. Er beschafft uns weitere Wolldecken, versucht die Heizung in Gang zu bringen und schaut, ob nicht in einem der anderen Zimmer etwas wärmeres Wasser aus dem Hahn kommt. Mitte März ist es noch empfindlich kalt in Tibet, denn selbst die Hauptstadt Lhasa liegt auf knapp 3700m. Er verwöhnt uns als wären wir seine persönlichen Gäste und er verbringt viel Zeit mit uns – nur mit ihm über Politik zu reden, das lehnt er grundsätzlich ab.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind unsere einzigen Informationsquellen, „die Dame vom Amt“ und CCTV, das chinesische Staatsfernsehen, das auf einem Kanal auf Englisch sendet. Zu unserer Verblüffung und auch Enttäuschung, fallen die Nachrichten über Tibet sehr spärlich aus, man kann zwar stundenlang sehen und hören, wer in den National People’s Congress „gewählt“ worden ist, aber die Nachrichten über Lhasa werden nur äußerst knapp zusammengefasst. Es heißt, dass ein paar radikale junge Tibeter, Han – Chinesen angegriffen haben, und ein paar Autos und Geschäfte in Brand gesteckt haben, aber „dank des heroischen und selbstlosen Einsatzes des Militärs“ sei die Lage bereits wieder unter Kontrolle. Basierend auf diesen Nachrichten warten wir beinahe stündlich auf die Ankunft der Dame und feilen weiter an unseren gemeinsamen Reiseplänen. Es dauert jedoch drei Tage, bis sie endlich erscheint, drei Tage, die wir im Hotel verbringen müssen mit nichts weiter zu tun, als im Gang auf und ab zu gehen und zur körperlichen Ertüchtigung, Treppen zu steigen.

Aus dem Fenster auf die Straße können wir sehen, wie ununterbrochen ein Militärkonvoi nach dem anderen vorbeirollt, vorbei an Menschen, die ihr Hab und Gut auf Handkarren gezurrt haben und hoffen, sich in den Bergen in Sicherheit zu bringen.

      

Die Szenen, die wir durchs Fenster beobachten, passen überhaupt nicht zu den Nachrichten aus dem Fernsehen. In diesen drei Tagen können wir mit niemandem Kontakt aufnehmen, nicht einmal mit unseren Familien zu Hause. Internet gibt es im Hotel nicht, das Telefon funktioniert angeblich nicht mehr, und ein Handy besitzt keiner von uns. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was meine Eltern durchmachen, da ich ihnen noch am Tag meiner Abreise aus Xi’an stolz von meinen Plänen berichtet hatte.

Wie schon so oft auf meinen Reisen, habe ich auch diesmal wieder Glück im Unglück, denn wäre ich nur einen Tag früher angekommen, wäre ich jetzt, ebenso wie viele andere Touristen, mitten im brennenden Lhasa eingeschlossen und hätte hilflos zusehen müssen, wie Menschen verfolgt werden und um ihr Leben rennen. Dank meiner Begleiter befinde ich mich in netter Gesellschaft, und wir haben durch Hana sogar eine Dolmetscherin an der Hand, auf die wir uns vollkommen verlassen können, da sie nicht einfach nur „gefilterte Inhalte“ wiedergibt. In so einer Situation vollkommen auf sich allein gestellt zu sein ohne überhaupt kommunizieren zu können, stelle ich mir schrecklich vor.

Auch mit dem tibetischen Hotelpersonal und dem „Kümmermann“ haben wir richtig Glück gehabt, denn sie geben sich ehrlich Mühe, uns den unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Die Umstände schweißen uns alle, die wir in einer so verzwickten Situation zusammengewürfelt wurden, zusammen. So schwierig und unbequem die Tage sind, möchte ich sie auch nicht missen.

Endlich klopft es an unserer Zimmertür, und die Dame vom Amt steht dort und erklärt wieder auf deutsch, dass wir uns ab jetzt frei in Lhasa bewegen dürfen, es aber keine Möglichkeit für uns gäbe, weiter durch Tibet zu reisen. Wir sollen doch bitte so schnell wie möglich per Flugzeug oder Zug das Land verlassen. Die Nachricht trifft uns hart, da wir uns sicher waren, wie geplant weiter zu fahren. Zurück nach China will keiner von uns. Wir schlucken unsere Enttäuschung herunter und freuen uns, über unsere wiedergewonnene Freiheit. Wir gehen sofort los, um uns selbst ein Bild von der Lage in der Stadt zu machen und endlich ein Lebenszeichen nach Hause zu schicken. Bevor wir das Hotel verlassen, schärft man uns ein, unbedingt alle Kameras im Zimmer zu lassen und uns an das absolute Fotografierverbot zu halten.

Das Bild, das sich uns in der Stadt bietet, kann ich kaum beschreiben. Zunächst fällt auf, wie wenige Leute aus der Bevölkerung unterwegs sind, dafür aber tausende von Soldaten, die jeden kontrollieren. Manche von ihnen können nicht viel älter als zwölf Jahre alt sein. In schäbigen Uniformen, mit längst veralteten Gewehren und Waffen, steht ihnen die Müdigkeit und Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Manche Abteilungen schlafen gemeinsam unter und neben ihren Militärtransportern, andere haben mobile Garküchen am Straßenrand aufgebaut und versorgen ihre Mannschaften. Es liegt ein ekelerregender, befremdlicher Geruch über der Stadt, noch brennende Autos liegen auf den Straßen, Häuser sind von Ruß geschwärzt und ausgebrannt, die Gitter von den Geschäften abgerissen und demoliert. Überall liegen Kleider und auseinandergerissene Modepuppen in den Straßen verteilt. Als ich das erste Mal über den Styroporkopf einer solchen Puppe stolpere, bleibt mir fast das Herz stehen, bis ich erkenne, was es ist. Die ersten Geschäfts– und Hotelbesitzer sind vor Ort, um die Schäden zu begutachten, und ich kann gar nicht bereifen, mit welch gefasster Miene, sie ihr Schicksal ertragen – fast alle hier haben alles verloren.

Wir gehen entsetzt und schweigend umher, biegen in eine Seitenstraße ein, in der wohl hauptsächlich Metzgereien ihre Stände hatten und müssen gleich wieder kehrt machen, da für mich der Gestank und Anblick der verkohlten Tierkadaver nicht zum Aushalten ist. Ich habe Mühe, mich auf den Beinen zu halten, meine Knie werden weich wie Wackelpudding, keiner hatte uns auf das Ausmaß dieser Katastrophe vorbereitet.

Wir treffen auf eine holländische Touristin, die sich bei Ausbruch der Unruhen im Zentrum aufgehalten hatte. Sie hatte mit ihrem Hotel nicht solches Glück gehabt wie wir. Man ließ sie sich die letzten Tage nur in einem fensterlosen Raum aufhalten, ebenfalls „zu ihrer eigenen Sicherheit“. Die Arme ist allein, und wusste die ganze Zeit nicht, was eigentlich los war, da auch sie die Sprache nicht beherrscht. Jetzt will sie nur zurück nach Hause.

Raus aus dem Zentrum gehen wir weiter zum Potala Palast, der Residenz des Dalai Lamas, bis er 1959 nach Indien ins Exil flüchtete. Der Palast ist in diesen Tagen leider abgesperrt. Noch nie war es so leer auf den Straßen drumherum, normalerweise wimmelt es hier von Touristen und auch Einheimischen, die den Palast umrunden und dabei die Gebetsmühlen betätigen. Heute sind wir fast die Einzigen.

    

Erst viele Stunden später kommen wir zu unserem Hotel zurück, wir werden bereits sehnsüchtig erwartet. Alle haben sich große Sorgen um uns gemacht, und der „Kümmermann“ war sogar losgezogen, um uns zu suchen. Dieses Heimkommen und Umsorgtwerden, tut so gut, denn wir sind alle nach den Eindrücken des Tages ziemlich durcheinander.

Die darauffolgenden Tage verbringen wir damit, unsere Weiterreise zu organisieren. Erfreut, haben wir nämlich bemerkt, dass die öffentlichen Busse wieder den Betrieb aufgenommen haben. Wir laufen zum Bahnhof um uns Fahrkarten nach Shigatse zu besorgen. Nach langem Anstehen erhalten wir die ernüchternde Antwort, dass es ab sofort nicht mehr gestattet sei, an Ausländer Fahrkarten zu verkaufen. Wir lassen uns nicht entmutigen und versuchen später einfach Busse unterwegs anzuhalten, was normalerweise Gang und Gebe ist. Aber entweder verweigern uns die Fahrer, die über die neuen Regelungen Bescheid wissen, die Mitnahme, oder wir schaffen es genau bis zur nächsten Militärkontrolle und müssen dort den Bus wieder verlassen. Als uns dann auch noch die ersten Panzer in Lhasa entgegenrollen, müssen wir schweren Herzens einsehen, dass wir auf dieser Reise wohl nicht viel von Tibet sehen werden, und uns außer Rückzug, keine Möglichkeiten bleiben. Meine drei Weggefährten schaffen es noch, sich ein Visum für Nepal und ein Auto von hier bis zur Grenze zu organisieren, da aber Nepal nicht mein Ziel ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als zurück zum Bahnhof von Lhasa zu fahren und mir eine Zugfahrkarte zurück nach China zu kaufen.

Allein die Fahrt zum Bahnhof mit dem Stadtbus, den wir natürlich schon benutzen dürfen, ist Grund genug, uns in den Abreisegedanken zu bestärken. Auf einer Strecke von ca. fünf Kilometern wird der Bus bestimmt sieben Mal von Polizei oder Militär angehalten. Die gleiche Prozedur von Ausweisvorzeigen wiederholt sich jedes Mal, aber nicht nur das. Alle Tibeter, die in traditionellen Kleidern und mit Bündeln beladen, unterwegs sind, müssen aussteigen und sich demütigende und übertrieben genaue Durchsuchungen von Seiten der Beamten gefallen lassen. Meistens dauern diese so lange, dass der Bus nicht warten kann, und die Menschen einfach zurücklässt. Aus dem Fenster kann ich sehen, wie sie grob aufgefordert werden, auf die Militärtransporter zu steigen. Wo sie hingebracht werden und was sie an ihrem Ziel erwartet, kann oder will uns niemand verraten.

Am nächsten Tag ist für uns die Zeit des Abschieds gekommen. Meine Freunde werden früh morgens von einem Jeep abgeholt und haben ca. 30 Stunden Fahrt zur nepalesischen Grenze vor sich. Der Abschied ist ein äußerst emotionaler Moment, da wir uns sehr nahe gekommen sind, und uns schwer tun, uns gegenseitig einfach dem Schicksal zu überlassen. Andererseits sind wir auch alle froh, dem Ganzen endlich zu entkommen.

In meinem Fall bringt mich der „Kümmermann“ noch persönlich in seinem Wagen zum Bahnhof. Man winkt uns problemlos durch die Kontrollen durch, aber wir dürfen uns mit dem Auto dem Bahnhofsgebäude nicht mehr als auf 500m nähern. Auf Grund der Sprachbarrieren sprechen wir unterwegs nur wenig miteinander, aber es ist kein unangenehmes Schweigen, ganz im Gegenteil, wir sind auf eine ganz besondere Art miteinander verbunden. Zum Abschied hängt der „Kümmermann“ mir noch einen weißen seidenen Schal um den Hals, in Tibet ein Zeichen für Respekt und Wertschätzung. Vollkommen gerührt, bahne ich mir einen Weg durch Tausende von Soldaten, die vor der Bahnhofshalle ihr Lager aufgeschlagen haben. Sie schauen mich überrascht an, alle anderen Touristen haben Lhasa schon vor Tagen verlassen. Ich fühle mich durch meinen umgehängten Schal beinahe unantastbar und lasse erst im Zug meinen Tränen freien Lauf, denn so hatte ich mir meine Reise aufs Dach der Welt wahrlich nicht vorgestellt.

   

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