Zwischen Teppich und Wasserpfeife – Roadtrip mit 5 jungen Iranern durch ihr Land

Zwischen Teppich und Wasserpfeife: Roadtrip mit fünf jungen Iranern durch ihr Land

Ein alter Saba, eine Art iranischer Trabant, bremst in einer Staubwolke. Durch die heruntergekurbelten Fenster schauen uns fünf junge Männer neugierig an: Ali, Hossein, Saeed, Mohsen und Davood. Seit ein paar Stunden warten mein Reisepartner José, ein Regisseur aus Mexiko, und ich im Bergdorf Abayane auf einen Bus nach Kashan. Die jungen Iraner zeigen auf ein Schild mit unserem Ziel und laden uns ein, zuzusteigen.

Als Gastgeber in ihrem Land ist es für sie selbstverständlich, uns dorthin mitzunehmen. Der größte und korpulenteste, Davood, der einen Sonnenhut und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Present“ trägt, setzt sich zu seinem Freund auf den Beifahrersitz und fordert uns auf, in der frei gewordenen Lücke auf der Rückbank Platz zu nehmen. Der Fahrer Ali öffnet den Kofferraum, und ein Sammelsurium an Koch- und Grillutensilien, sowie zwei große zusammengerollte Teppiche, die ihnen beim Picknicken als Sitzunterlage dienen, quellen uns entgegen. In die Ecken haben sie einen Sack Kohle, eine Kiste Proviant, sowie eine Helion, eine Wasserpfeife, gequetscht. Nachdem Ali den Kofferraumdeckel zugedrückt hat, legen wir unsere Rucksäcke über unsere Beine. Alle beteuern, dass es nicht bequemer sein könnte. Der Saba berührt mit dem Unterboden fast die Straße.

Davood zieht sein Handy aus der Hosentasche und zeigt uns einen kurzen Film, auf dem Ali, der 22-jährige Fahrer, eine klassische iranische Ballade auf dem Klavier spielt. Davood, der meinen anerkennenden Blick gesehen hat, fasst nach meiner Hand und legt sie auf Alis Bizeps, den der Pianist sofort anspannt. Ali ist so kräftig, dass ich meine Hand kaum aus seiner Armebeuge befreien kann. Daraufhin zeigt Davood uns ein Foto von Ali im Muskelshirt, der im Boxring seinem Gegner einen Faustschlag verpasst. Er verdient sein Geld mit Boxen und Klavierspielen. Hossein, der Soldat, bessert seinen kargen Sold als Buchhalter auf. In den Städten hängen an Laternenpfosten große Plakate von Märtyrern, die im ersten Golfkrieg gegen den Irak gestorben sind.

Hossein genießt lieber sein Leben im Hier, als auf einem dieser Poster verewigt zu werden. Saeed, Davood und Mohsen sind wie ihre Freunde zwischen 22 und 26 Jahre jung. Sie haben Computerwissenschaften, Betriebswirtschaft und Elektrotechnik studiert und Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. 70% der Iraner und Iranerinnen sind unter 25 – die Konkurrenz ist groß.

„Mögt ihr Musik?“ fragt uns Ali und dreht die Anlage auf. Das Dröhnen der Bässe verwandelt die Rückbank in einen vibrierenden Massagestuhl. Ein Soundsystem vom Feinsten in einer 20 Jahre alten Rostlaube. Die Jungs setzen ihre verspiegelten Sonnenbrillen auf und wippen auf ihren Sitzen zu DJ Alligator, einem beliebten iranischen Elektro-Dance-Musiker.

Noruz (wörtlich: neuer Tag), das iranische Neujahr, ist die beste Zeit ist, um der islamischen Republik einen Besuch abzustatten. Alle Iraner reisen ungefähr zwei Wochen mit ihren Familien – und in wenigen Ausnahmen mit ihren Freunden – im eigenen Land umher. Die meisten wohnen unterwegs bei Familienangehörigen, und freuen sich, westliche Touristen zu sehen. Sie sind in Urlaubsstimmung und suchen das Gespräch. Sie versorgen uns mit Telefonnummern ihrer Verwandten für den Notfall. Viele laden uns sogar ein, mit ihnen zu essen oder bei ihnen zu wohnen.

„Deutschland = Paradies“, davon sind die jungen Männer überzeugt. Denn den Lebenspartner und die Karriere frei wählen zu dürfen, sind für die meisten jungen Iranerinnen und Iraner unvorstellbare Privilegien. Die Vorstellung, dass wir im Westen alle einen gut bezahlten Job haben und sozial abgesichert im Wohlstand leben, ist weit verbreitet. Die Jungs glauben, dass jemand, der Lust auf einen spontanen Drogenrausch verspürt, lediglich in einem Supermarkt alles kauft, was er dafür benötigt. „Das mit dem Sex“ ist ihrer Meinung nach auch eine tolle Sache. Sie gehen davon aus, dass in unserer liberalen Gesellschaft, in der Religion nur eine untergeordnete Rolle spielt, sich Männer und Frauen ununterbrochen mit wechselnden Partnern vergnügen. Aus ihrer Sicht das Paradies.

Wir legen eine Pause an einer Tankstelle ein. Neben uns hält ein Volvo-Reisebus mit der Aufschrift „Teheran“. An der Tür hängt ein knallrotes Schild auf dem Micky Maus einen in falschgeschriebenen Englisch „Wellcome“ heißt.

                   

„Warum seid ihr im Iran? Wo kommt ihr her? Wie gefällt euch unser Land?“ fragen uns zwei junge Frauen in überraschend gutem Englisch, die aus dem Bus steigen. Sie tragen ihre rosafarbenen Seidenkopftücher locker auf dem Kopf und dazu einen Markenmantel aus Leder, der ihnen bis knapp übers Knie reicht. Shirin lädt uns ein, den Bus zu betreten. Der vordere Teil, in dem der Fahrer sitzt, ist mit grellen Plüschtieren behängt, wie man sie von Schießbuden auf dem Volksfest kennt. Die Sitze hat der Fahrer mit großen unverschleierten Frauengesichtern bezogen.

Über den Fernsehbildschirm flimmert ein schlecht synchronisierter Actionstreifen. Die junge Teheranerin schwärmt: „Deutschland, die Arier, unsere gemeinsamen Vorfahren, ein Leben „da draußen in Freiheit“. Sie gibt zu, über illegales Satellitenfernsehen, viel von „dem Westen“ gesehen zu haben, befürchtet aber, dass sie ihn selbst nie erleben wird. Zwei Drittel aller Frauen studieren, aber nur knapp 20 Prozent arbeiten später. Die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit verbindet diese beiden Frauen und unsere männlichen Reisebegleiter.

Ali hat keine Straßenkarte im Auto. Wir suchen den Fin Garten, einige Kilometer außerhalb der Stadt. Die jungen Männer lehnen sich aus dem Fenster und fragen jeden nach dem Weg. Helfen wollen alle, Fußgänger oder andere Autofahrer, die antworten, während sie ihre Geschwindigkeit der unseren anpassen. Ein Taxifahrer erklärt uns, dass wir am Ziel vorbeigefahren sind. Ali blickt kurz in den Rückspiegel, wendet und fährt die 500 Meter bis zur Abzweigung durch den Gegenverkehr zurück. Iran hat eine der höchsten Pro-Kopf Todesraten im Straßenverkehr. Niemand schimpft oder hupt.

Die jungen Männer wollen wissen, wie viel meine Kamera gekostet hat, mein MP3 Spieler, mein Handy, ein Mercedes? „Wie viel verdienst du, wie teuer war der Flug nach Teheran?“ fragen sie. Meine Antworten gehen in die Millionen. Für 75 Euro zahlen die Wechselstuben eine Million Rial.

Wir lassen den Tag bei einem Picknick und alkoholfreiem Granatapfelbier im Park ausklingen. Nach dem Essen legen sie Musik von Moein auf, einem bekannten iranischen Sänger, der in Los Angeles im Exil lebt. Davood, Saeed, Hossein und Mohsen tanzen gefühlvoll auf dem ausgebreiteten Teppich, während Ali, der Pianist, auf einem leeren Kanister leidenschaftlich den Rhythmus trommelt. Sie strecken mir ihre Hände entgegen und fordern mich auf.

Saeed gefällt eine junge Frau in schwarzem Tschador – wörtlich „Zelt“. Die Körperform der Frau muss verhüllt sein. Nur Gesicht, Hände und Füße dürfen die Frauen unbedeckt lassen. Unter dem Kopftuch schaut der Pony hervor. Er ist nach hinten gesteckt und mit viel Haarspray toupiert. Ihre dunklen Augen hat sie hell geschminkt. Über der Nase trägt die Frau einen Verband – ein Statussymbol: Schönheitsoperationen sind im Iran als Ausdruck von Wohlstand beliebt.

         

Saeed steckt der Unbekannten einen Zettel mit seiner Handynummer zu, als sie „zufällig“ zur gleichen Zeit ihren Müll in die Tonne werfen. Nur über heimliche Anrufe und SMS finden junge Männer und Frauen von den Sittenwächtern unbemerkt, erste zarte Kontakte zueinander. Private Treffen vor der Ehe sind verboten. Die Eltern arrangieren die meisten Ehen.

Als sich unsere Blicke treffen, zieht Saeed den Daumen über seine Kehle, um mir zu verdeutlichen, was der Vater des Mädchens mit ihm anstellen würde, falls er das „unsittliche“ Interesse des jungen Mannes an seiner Tochter bemerken würde.

Zum Abschied bitten mich die Jungs, für einen Moment mein Kopftuch abzunehmen. Sie bilden vor mir einen Halbkreis und vergewissern sich, dass uns keiner sehen kann. Ich fühle mich nackt und entblößt. Die jungen Männer nicken beim Anblick der blonden Haare anerkennend.

Anmerkung:

Das neue Kalenderjahr beginnt 2009 am 20. März um 15:14 Uhr. Das ist der errechnete Moment der Tagundnachtgleiche, wenn die Sonne senkrecht über dem Äquator steht. Ab diesem Zeitpunkt schreibt der persische Kalender das Jahr 1388. Die Zählung erfolgt vom Jahre der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina 622 n. Chr.

Bereits zwei Wochen bevor das neue Jahr und der Frühling beginnen, putzen die Menschen ihre Häuser, säen Pflanzen und kaufen sich neue Kleider. 13 Tage danach dauern die Feierlichkeiten an und enden am letzten Tag mit einem großen Familienpicknick.

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